Archive for September, 2014

Darf man sich in die Trennung der anderen einmischen?

BRIGITTE: Warum bleiben zwei Menschen zusammen, die sich eigentlich besser trennen sollten?

Gisela Hötker-Ponath: Es gibt viele Gründe, die wir von außen nicht sehen: Der Leidensdruck ist noch nicht groß genug, auch wenn es so wirkt. Der Gewinn zu bleiben ist immer noch größer als der zu gehen. Oder man will es besser machen als die eigenen Eltern, die sich vielleicht getrennt hatten. Umgekehrt: Man bleibt trotz großer Probleme, weil einem das als Kind so vorgelebt wurde. Unbewusste Wiederholungsmuster machen es uns also schwer, neue Wege zu gehen. Außerdem sind da noch die Ängste. Wie werden die Kinder die Trennung verkraften? Halte ich es aus, allein zu leben? Und, was ich immer wieder besonders bei Frauen über 35 erlebe: Sie haben Angst, niemanden mehr zu finden, mit dem sie glücklich sein werden. Wir leben ja fast alle nach wie vor das romantische Modell, das erschwert die Vorstellung, dass es so etwas Einzigartiges noch einmal geben kann. Zu erkennen, dass Trennung auch Befreiung sein kann, das dauert eine ganze Weile.

Es gibt Paare, die sind eigentlich getrennt, leben aber weiterhin zusammen, um den Schein zu wahren oder – das betrifft besonders Frauen – den materiellen Wohlstand nicht zu verlieren. Kann das funktionieren?

Das ist auf die Dauer kein gesundes Leben. Die Möglichkeit, dass man dabei depressiv wird oder psychosomatische Erkrankungen erleidet, ist relativ hoch. Weil es keine selbstgewählte Lebensform ist – auch wenn man sich das vielleicht einredet – sondern nur eine erduldete. Da treten dann beispielsweise Kopfschmerzen und Essstörungen auf, meistens als ein „Zu-viel-Essen“. Und eine depressive Entwicklung führt dazu, dass sich jemand noch schlechter trennen kann, es fehlt ihm an Initiative, Mut und Selbstvertrauen, zu gehen.

Gisela Hötker-Ponath

… ist Paar- und Familientherapeutin und Lebensberaterin in Eichenau in Bayern. Sie ist Autorin des Buchs „Trennung ohne Rosenkrieg“ (176 S., 17,95 Euro, Klett-Cotta)

Darf ich mich als Außenstehende in die Beziehung von Freunden einmischen?

Ja, aber es ist eine Frage des Wie. Wenn ich die Position einnehme „Du musst dich trennen“, entsteht im anderen automatisch ein „Ja, aber“. Ich dränge den anderen unwillkürlich dazu, die andere Seite, die des Bleibens, zu übernehmen. Dazu kommt, dass es von außen nicht nur schwierig, sondern auch vermessen ist zu erkennen, ob jetzt gerade wirklich der richtige Zeitpunkt der Trennung ist.

Wie formuliere ich meine Meinung dann also am besten?

Erstens: keine Ratschläge erteilen, wenn sie nicht erfragt werden. Man kann ja erst einmal die Frage stellen: Möchtest du reden, hast du Lust? Das machen wir zu selten. Wir gehen zu oft direkt in dieses Thema, weil es uns selbst bewegt. Wir haben auch ganz klar ein egoistisches Bedürfnis, darüber zu reden. Denn jeder, der in einer Beziehung lebt, hat doch selbst schon mal Trennungsambivalenzen gehabt, will es aber eigentlich nicht wahrhaben und arbeitet an den Themen des anderen dann seine eigene Angst und Problematik mit ab.

Und zweitens?

Zweitens sollte man die Trennung nicht als ultimative Lösung ansprechen, sondern eher „Angenommen, es wäre so“-Fragen stellen. Damit lässt man dem anderen Spielraum, zeigt, dass man weitere Möglichkeiten mitdenkt, und man hilft ihm gleichzeitig, ein Bild von der Zukunft zu entwickeln. Also Fragen wie: Angenommen, du würdest dich trennen, wie würde dein Leben weitergehen? Kennst du Frauen, die sich getrennt haben? Was siehst du positiv bei denen? Wovor hättest du Angst? Oder: Angenommen, du würdest bleiben, wie sähe dein Leben in fünf Jahren aus? Ich kann mich auch vorbereiten, indem ich überlege: Wie würde es mir in so einer Situation gehen? Wie könnte meine Freundin mich ermutigen, darüber zu sprechen?

Ist die engste Freundin die beste Gesprächspartnerin für so eine Situation?

Nicht immer. Sie kann zu nah dran sein und sich mit der Freundin identifizieren. Sie möchte nicht, dass es ihr schlecht geht, und geht damit zu sehr auf eine Seite. Das ist für die Freundin nicht wirklich hilfreich, um zu einer eigenen Entscheidung zu kommen. Natürlich sollte sie mit ihrer Freundin sprechen, aber auch mit der Idee, der Freundin vorzuschlagen, sich woanders Hilfe zu holen, z. B. bei einer Beratungsstelle oder Therapeutin. Denn wenn in einer Freundschaft über einen längeren Zeitraum nur noch über Trennung und Zweifel gesprochen wird, belastet das die Freundschaft.

Ist Schweigen die bessere Lösung, um die Freundschaft nicht zu gefährden?

Schweigen sagt eher etwas über uns selbst aus. Vielleicht schweigen wir, weil wir fürchten, in so einem Gespräch könnte bei uns selber etwas hochgehen an Unzufriedenheit in der eigenen Beziehung. Wir haben Angst, dass wir bei uns und unserer Partnerschaft plötzlich auch klarer hinsehen müssen.

Ich habe der Freundin gesagt, sie sollte sich besser von diesem Mann trennen, aber die beiden bleiben schließlich doch zusammen. Was bedeutet das für unsere Freundschaft?

Damit sollte man offen umgehen, indem man sagt: Ich dachte wirklich, es wäre vorbei mit euch, jetzt habt ihr euch anders entschieden, ich habe mich also getäuscht. Vielleicht habt ihr euch auch getäuscht – sehen wir, wie’s weitergeht.

Damit deute ich doch aber an, dass ich an einen Erfolg nicht glaube.

Damit bleiben Sie authentisch. Und Ihre Zweifel sind berechtigt. Es gibt viele Menschen, die brauchen einige Runden, um sich zu trennen. Man könnte sagen, das sind Menschen, die nehmen es wirklich ernst miteinander und dem Versuch, die Beziehung zu retten. Oder es sind Abhängigkeitsspiralen, das bedeutet, sie haben große Probleme, sich zu lösen. Viele Frauen geben sich oft auch selbst die Schuld am Scheitern. Deswegen gibt es auch die vielen Versuche, es doch noch einmal hinzubekommen.

Reagieren Männer eigentlich anders auf schwierige Paare?

Das sieht man in dem einen Fall, in dem die Frau von ihrem Mann während des Abendessens massiv abgewertet wird. Ein Mann hätte da gesagt: „Hey, wie redest du mit deiner Frau?“ Er macht sich nicht wie die Freundin Gedanken über den Beziehungskonflikt, sondern über das direkt sichtbare Symptom, die abfälligen Sätze. Meine Erfahrung ist: Männer beschäftigen sich auf längere Sicht weniger mit dem Großen und Ganzen einer Beziehung. Männer reagieren eher punktuell.

 

Original-Artikel:

http://www.brigitte.de/

Beziehung: Nirgendwo wird so viel gelogen wie beim Sex

Jüngst wiederholte man im US-Bundesstaat Michigan ein altbewährtes Experiment. Eine kindhaft wirkende Frau in Shorts fragt Vorübergehende auf der Straße: „Willst du mit mir Sex haben? Jetzt?“ Das Video führt reihenweise verblüffte Männer vor. Sie stehen da wie vom Donner gerührt, drehen sich um die eigene Achse, um festzustellen, ob jemand mithört oder eine Kamera läuft. Ein älterer Herr ruft die Polizei, ein anderer gibt sich empört, dass ihm in Gegenwart seiner Freundin solches angetragen wird.

Aber die Hälfte der Männer sagt Ja und folgt der Schönen zu ihrem angeblichen Lotterlager – die Herren sind sicher: Dieses Angebot kann nur ernst gemeint sein. Diskret werden sie schließlich aufgeklärt, es handele sich bei „Asking Men for Sex“ um ein „social experiment“.

Robert Trivers, 70, renommierter Evolutionsforscher an der Rutgers University in New Jersey, hat mit Studenten dieses Experiment schon vor Jahren absolviert. Er lacht, als er davon erzählt. Mitunter seien es gar 75 Prozent Männer gewesen, die sich auf das Abenteuer eingelassen hätten. Frauen dagegen würden grundsätzlich defensiv reagieren.

Die Evolution ist die Antwort

Man schickte in Michigan auch einen Mann los, der Frauen Spontansex anbot. Einige kreischten und flohen, andere wurden grimmig, eine rabiate Frau schüttete ihm den Inhalt ihres Pappbechers ins Gesicht. Warum sind Frauen so absolut wählerisch, während Männer bei günstiger Gelegenheit nicht lange fackeln und oft dramatisch ihre Ansprüche senken?

„Die Antwort heißt Evolution“, erklärt Trivers. Folgt man nämlich der evolutionsbiologischen Argumentation, liegt der Grund für die Bereitschaft der Männer, mit der Frau ins Schlafzimmer zu gehen, in ihrem genetisch bedingten Trieb, ihre Gene an möglichst viele Sexualpartnerinnen weiterzugeben. Die Frauen hingegen müssen gut auswählen, wen sie in ihr Bett lassen, weil sie – theoretisch – stets eine Schwangerschaft riskieren, sich um ein Kind kümmern müssen und somit viel mehr investieren müssten. Ein anderer Mechanismus der Natur spielt nun dem Mann und seinem Trieb in die Hände: das Prinzip der Selbsttäuschung.

Es ist belegt, dass der Durchschnittsmensch sich für 20 Prozent schöner hält, als er es nach herkömmlichen Maßstäben ist. Der Mann darf also glauben, dass diese junge Frau mit ihm schlafen will, weil er ja so begehrenswert ist. Er täuscht sich dabei selbst, um die Gelegenheit ergreifen zu können, sich fortzupflanzen. „Aufgrund ihrer falschen Projektionen fangen die Männer mehr Frauen ein, darunter solche, die tatsächlich mit ihnen kopulieren werden. Wer sich als schöner oder größer empfindet, gewinnt durch diese Selbsttäuschung Selbstvertrauen“, sagt Trivers.

Bei Frauen hingegen funktioniert dieser Mechanismus anders, da ihre genetische Programmierung nicht darauf angelegt ist, mit möglichst vielen Männern zu schlafen. Vielmehr läuft es hier nach dem Motto: Ich bin zu gut, um mich an jeden Dahergelaufenen zu verschenken.

Täuschung und Selbsttäuschung

Daraus ergibt sich das altbekannte, statistische Ungleichgewicht, dass Machos unter ihresgleichen mit maßlosen Sexeroberungen prahlen, während Frauen eher unter den Teppich kehren, wenn sie viele Liebhaber hatten. Sie wollen ihren Ruf als ehrbare Dame wahren. Deutsche beiderlei Geschlechts haben in ihrem Leben im Schnitt sieben Sexualpartner. Männer wollen aber mit viel mehr Frauen Genitalkontakt gehabt haben als Frauen mit Männern. Lügen gehört des Renommees wegen dazu. Die Evolutionsbiologie lehrt: Es sichert das Überleben unserer Gene.

„Nirgendwo wird so viel gelogen wie beim Sex“, sagt Robert Trivers. Er forscht seit Jahrzehnten zu Täuschung und Selbsttäuschung. Sein Vorgehen und seine Ergebnisse hat er im Buch „Betrug und Selbstbetrug“ (Ullstein, 23 Euro) beschrieben. Seine These: „Selbsttäuschung entwickelt sich in der Evolution im Dienste der Täuschung – damit wir andere hinters Licht führen können.“ Und er betont: „Je höher der IQ-Wert eines Menschen, desto geschickter kann er lügen. Je größer sein Gehirn, desto größer sein Betrug.“

Wir betrügen uns selbst, um die Umwelt betrügen zu können. Bei der Selbsttäuschung wird das Verhalten unbewusst in den Täuschungsmodus überführt. .“Diese Täuschung tilgt zwar nicht Dinge, die uns bewusst sind, verzerrt sie aber in den Tiefen unseres Unbewussten, sodass sie uns nicht mehr bedrängen.“

Der Trieb ist die Schubkraft

Trivers spricht zum Beispiel von Gehirnarealen, die an der möglichen Enttäuschung beim Blick in den Spiegel mitwirken und die einfach ausgeschaltet werden. „Dadurch steigt die Qualität der Täuschung“, sagt er. Was nicht sein darf, ist dann eben auch nicht. Und warum der Aufwand? Weil es aus Sicht der Evolution immer nur um die Fortpflanzung geht, „das zentrale Ziel unseres Lebens.

Wenn zwei Menschen unterschiedlichen Geschlechts sexuell zusammenkommen, ist ihre Gemeinschaft noch lange nicht gesichert. Der Trieb ist die Schubkraft. Trivers wird gern persönlich: Als junger Mann habe er einfach nur Sex gewollt. Das ging nicht im prüden Amerika, es musste liebesummantelt sein. „Also bildete ich mir ein, in eine Frau verliebt zu sein.“

Daraufhin durfte er mit der einen oder anderen das Bett teilen. Danach, erinnert er sich, „war die Verliebtheit wie weggeblasen“. Sein Fazit als Wissenschaftler: „Ich habe mich selbst getäuscht und die Frauen getäuscht. Das Gefühl der Verliebtheit entstand, um Sex zu ergattern. Aber dessen war ich mir erst im Nachhinein bewusst.“

Die Performance zwischen Mann und Frau

Auch in unserer Zeit, so der Experte, liefe das noch so. Es gehört zum Rollenspiel, zur Performance zwischen Frau und Mann. Deshalb spricht man davon, jemanden „rumzukriegen“. Die Selbsttäuschung würde zudem der Seele aufhelfen und das Immunsystem stark machen. „Selbsttäuschung hat günstige Auswirkungen auf die Immunfunktionen und das Geistesleben“, sagt Trivers. „Unser Geist verfälscht Informationen von vorn bis hinten, wenn es nützlich ist: von anfänglicher Vermeidung über falsche Codierung, Erinnerung und Logik bis zu Falschaussagen gegenüber anderen.“

Wir würden schmerzliche Erinnerungen unterdrücken, rationale Erklärungen für unmoralisches Verhalten finden und unser Ego mit einem ganzen Arsenal an Mechanismen verteidigen. „Wir nehmen uns anders wahr, als wir sind. Und andere sollen uns anders wahrnehmen“, sagt Trivers.

Sigmund Freud wusste das schon. „Das Ich ist nicht Herr im eigenen Haus“, schrieb er. Der Mensch war ihm ein Bündel höchst unterschiedlicher Komponenten. Sein Denken, Fühlen und Handeln erscheint nicht eindeutig, es ist vieldeutig reguliert und oft nicht gut abgestimmt.

Wir sind das Wesen mit dauergemischten Gefühlen, oft uneins mit uns. Die beharrliche Neigung, sich positiv zu beleuchten, ein stark selektives Gedächtnis, das ständig die eigene Biografie zu unseren Gunsten umsortiert – viele Indizien sprechen dafür, dass die Bildersammlung von uns alles andere als ein neutrales Archiv ist.

Der Mensch ist nicht Sklave seiner Gene

Am meisten betrogen wird laut Trivers „in familiären und sexuellen Interaktionen“. Weil wir die Sprache besitzen, der große evolutionäre Vorzug des Menschen. Schimpansen, genetisch unsere nächsten Verwandten, täuschen mit Mimik und Gestik. Aber wer über Sprache verfügt, besitzt mehr Täuschungsmöglichkeiten.

Selbst unsere Gene sind für Evolutionsbiologen nur Egoisten. Sie bedienen sich „molekularer Täuschungsmethoden, um sich auf Kosten anderer Gene effizienter fortzupflanzen“, erklärt Trivers. Lug und Trug im eigenen Körper, im eigenen Geist bis in die Tiefe der Zellen und Gedanken. Alles im Dienste der Evolution.

Der Mensch muss aber nicht ein Sklave seiner Gene bleiben. Er kann unterscheiden zwischen Gut und Böse und hat einen freien Willen. Er ist das einzige Lebewesen, das sich ethisch mit seinem Handeln auseinandersetzt. Er kann aus Fehlern lernen, sein Verhalten ändern. Leicht ist das aber nicht, geht es doch gegen die Biologie. Zu täuschen, erst sich selbst, dann andere, ist einfacher. Die Evolution bevorzugt eben das Simple, das Pragmatische.

Robert Trivers hat ein markantes Beispiel: Simulation. Bei Paaren, die länger zusammen sind, glüht die sexuelle Leidenschaft aus, sie werden zu Geschwistern. Das gefällt beiden nicht und sie nehmen sich vor, ihr Sexleben zu vitalisieren. Sie verlassen das Schlafzimmer und gehen an andere Orte, beliebt sind Hotels mit Kingsize-Betten, Terrassen, Strände oder Wiesen.

Liebe ohne Täuschung gibt es nicht

Trivers weiß aber: Auch wenn die Liebe groß ist, muss man beim Sex etwas simulieren. Sex, sagt er knallhart, sei nur anfangs, in der Jugend, authentisch. Nach mehrfacher Wiederholung dominiert Routine. „Oft wird dann beim Sex etwas vorgetäuscht, man hat Fantasien von einem früheren oder imaginären Partner.“ Soll heißen: Es wird getäuscht beim Sex. Die Beteiligten wissen das. Männer spüren, dass Frauen sich in Wunschträume fantasieren, wenn diese introvertiert scheinen. Frauen erfassten noch intuitiver, ob es in der horizontalen Begegnung mit einem Mann nur am Rande um sie geht. Sie könnten Gesichtsausdrücke auch beim Sex viel besser deuten.

Aus zahlreichen Gesprächen weiß Robert Trivers: „Zu fantasieren ist verlockend und zugleich heimtückisch. Doch lebt ein Mensch außerhalb der Partnerschaft seine Triebe aus, kann das die Partner weit voneinander entfernen und tiefe Verletzungen verursachen – bis hin zu offener Feindseligkeit.“

Die Evolution verleitet uns zur Täuschung, und manchmal endet das in einer Katastrophe. Es ist aber eine Frage der persönlichen Reife und des Verständnisses füreinander, wie mit der Simulation umzugehen ist. Denn eine Liebe ohne Täuschung gibt es nicht.

 

 

» Zur Anbieter-Website:

www.welt.de/lifestyle/

Essen und Stil: Veganer sind auch Menschen – mit Superfood-Atem

Eins muss mal gesagt werden: Nicht alle Veganer sind militante Arschlöcher.

Wir sind auch nur Menschen. Klar ist es einfach, sich über Veganer lustig zu machen, mit ihren Ansichten zu Daunenmänteln und dem penetranten Spirulina-Superfood-Atem. Allerdings können Omnis (vom englischen Omnivore, Allesfresser) auch ziemlich nervig sein. Etwa mit ihren Kommentaren über die armen Mäuse, die in den Sojabohnenfeldern während der Ernte verenden. Oder mit ihren Witzen. Kennen Sie den? Wie viele Veganer braucht man, um eine Glühbirne auszuwechseln? Zwei: Einen, um sie auszutauschen und einen, um nach versteckten tierischen Inhaltsstoffen zu suchen… .

Natürlich gibt es Veganer wie Bob, der auf diversen Internetforen kundtut, dass die armen Kinder in Afrika sich lieber vegan ernähren sollten, anstatt die Milchpulverpaste, welche Unicef ihnen schickt, zu essen. Mit so jemandem will man nicht in einem Atemzug genannt werden. Und wenn ich ehrlich bin, fällt es mir ohnehin schwer, mir das Label „vegan“ aufzukleben. Denn dafür müsste ich tatsächlich zu 100 Prozent auf alle Produkte verzichten, die in irgendeiner Form tierischen Ursprungs sind oder in deren Entstehungskette irgendwann ein Tier zu Schaden gekommen ist.

Ich habe zwar kein Ledersofa, aber auch keine Ahnung, ob meine Möbel vegan sind oder durch Knochenleim zusammengehalten werden. Und in meiner 1972er Corvette Stingray befinden sich immer noch die original Ledersitze. Ich esse nach wie vor Bienenkotze, besser bekannt als Honig und benutze dieselbe Pfanne, in der mein Mann sein wöchentliches Hähnchen brät, um meinen Seitan zu sautieren.

Und Teddy, der Terrier, den wir über eine Tierschutzorganisation adoptiert haben, frisst zwar veganes Hundefutter (Welcome to L.A.!), aber mein Mann besteht darauf, eben erwähntes Hähnchen mit ihm zu teilen. Für mich ist das kein Scheidungsgrund. Deswegen bevorzuge ich, was mich anbelangt, die von mir kreierte Bezeichnung AVAP: As Vegan As Possible. Wie es ist, einen ganzen Tag als Hardcore-Veganer zu verbringen (meine Corvette ausgenommen), und zwar in Los Angeles, der Hochburg moderner Nahrungsneurosen, habe ich im Selbstversuch erprobt.

8:00 Uhr, Café Gratitude, Venice: Bei vielen Menschen lösen vegane Restaurants Assoziationen mit auf Sandalen herumschleichenden Dreadlockträgern aus, die ein wenig streng riechen. Der Look der Gäste im Café Gratitude ist allerdings High Heels (die Damen) und Rolex (die Herren). Zwei Tische von mir entfernt schlürft Anne Hathaway einen „Cool“. So heißt ihr geliebter Minz-Schokoladenchip-Shake. Sämtliche Gerichte im Gratitude tragen lebensbejahende Namen wie „I am Love“, oder „I am Magical“. Die Zutaten sind vegan, bio, fair gehandelt. Erleuchtung und Selbstbewusstsein gibt es gratis als Beilage.

Ich bestelle die Rohkost-Cashew-Crêpes „I am Fantastic“ beim Kellner. „Of course you are“, sagt er und stellt mir die Frage des Tages: „What are you grateful for?“ Ich bin dankbar, nicht am Nebentisch zu sitzen. Da geht es nämlich wenig Zen zu, denn es entbrennt gerade Streit zwischen einem Veganerpärchen und einem befreundeten Omni. Letzterer wird wegen seiner Cowboystiefel (Leder!) von den Veganern zur Schnecke gemacht.

Darauf fragt der erboste Omni die Veganer, wie sie es denn mit sich vereinbaren könnten, ihre Hunde mit Fleisch zu füttern. Die Veganer-Frau giftet zurück, er sei ein blödes Schwein, sie würde zur Not sogar mit eigenen Händen eine Kuh erwürgen, um ihre Babies (die Hunde) zu füttern. Der Omni-Mann steht auf und geht. Ob aus dem Café oder an die Bar, um ein Beruhigungs-Elixier zu bestellen, ist ungewiss. Besser erst einmal Weizengras über die Sache wachsen lassen.

8:45 Uhr, Moon Juice, Venice: Nach dem Frühstück gönne ich mir schräg gegenüber vom Gratitude einen Kürbiskernsaft im Moon Juice. Schräg ist hier auch das Publikum. Vor mir am Tresen steht ein blondbärtiger Turbanträger, der minutenlang glückselig in die Auslage getrockneter Algen lächelt. Ich lasse mich dazu hinreißen, fünf Dollar für ein zwei Bissen großes Stück Sonnenblumenkern-„Käse“ zu zahlen.

Er schmeckt wunderbar, das aber leider nicht lang. Die Besitzerin von Moon Juice hört übrigens völlig ironiebefreit auf den schönen Nachnamen Bacon. An Speck erinnere ich mich aus früheren Tagen gut. Er schmeckte großartig. Mit dem Geschmack von Fleisch hatte ich auch nie ein Problem. Zum Glück gibt es inzwischen für alles eine fleischlose Alternative. So wie im Viva La Vegan, dem größten veganen Supermarkt der Welt.

9:30 Uhr, Viva La Vegan, Santa Monica: „Die schmecken gut!“, ermuntert mich der Verkäufer, als ich eine Packung vegane Kondome (bei der Herstellung regulärer Latex-Kondome wird häufig Casein, ein Milcheiweiß, verwendet), Geschmacksrichtung Goji-Beere, begutachte. Zur Wahl stehen auch Blaubeere und Maulbeere. Cervelat gibt es nicht. Zum Hummerersatz in meinem Einkaufswagen gesellt sich ein Glas veganer Kaviar. Der besteht unter anderem aus Algen. Die glibberigen Kügelchen platzen beim Draufbeißen genauso wie das Original.

Überhaupt ist das Kau-Erlebnis das Wichtigste, klärt mich die Dame am Werbestand von Beyond Meat auf. Die Firma spezialisiert sich auf Hühnerstreifen ohne Huhn. „Der Geschmack war relativ einfach nachzuahmen, an der Textur haben wir länger gearbeitet“, bestätigen mir die Beyond-Meat-Gründer Ethan Brown und Brent Taylor, die von der tüchtigen Angestellten auf meine Fragen hin, sofort angerufen wurden.

Die größte Herausforderung sei nach wie vor, Männer davon zu überzeugen, dass der Huhn-Ersatz kein Essen für Weicheier ist, so Brown, der den Tieren zuliebe seit dreizehn Jahren vegan lebt. Taylor hingegen ist Flexitarier und isst ab und zu noch ein Stück Bio-Fleisch. Er ernährt sich nicht wegen des Tierschicksals (fast) fleischlos, sondern wie viele andere Veganer auch, aus Gründen der sozialen Gerechtigkeit und der Umwelt zuliebe.

10:30 Uhr, irgendwo im zäh fließenden Verkehr von L.A.: „Aus welchem Grund jemand auf Tierprodukte verzichtet ist mir letztlich egal“, erzählt mir mein Bekannter, der Musiker und passionierte Veganer Moby, am Telefon. „Es ist doch großartig, als Tierschützer so viele unterschiedliche Ansätze zu haben, mit Menschen über Veganismus zu sprechen.“ Ob man nun wegen des Klimawandel oder aus dem Wunsch nach einem gesunden und langen Leben ins Gespräch komme, interessiere ihn nicht, sagt Moby, hauptsache, die Bewegung werde vorangetrieben.

Honig ist die einzige Ausnahme, die er sich gestattet. Warum? „Weil ich Bienen liebe“, sagt Moby: „Auf der ganzen Welt sterben derzeit Kolonien ab, weil große Honiguntermen aus Kostengründen im Winter die Bienen töten. Nachhaltige Imker helfen, Bienen zu schützen.“ Neben Musiker Travis Barker und Schauspieler James Caan ist Moby Investor des veganen Promi-Restaurants Crossroads. Erst letzte Woche, sagt er, hätten Paul McCartney, Johnny Depp und Ronnie Woods gemeinsam dort gegessen. Auch Oprah Winfrey schaue regelmäßig vorbei. „Komm doch heute Abend zum Dinner,“ sagt Moby. Mache ich!

11:00 Uhr, Earthbar, West Hollywood: Sicher ist sicher, denke ich, als ich die Hosen im Behandlungszimmer herunterziehe und mir einen Schuss Vitamin B setzen lasse. Angeblich leiden wir Pflanzenfresser alle an Vitamin-B-Mangel. Vor allem solche Veganer, die selbst auf Hefe (die armen Bakterien!) verzichten. An der Bar beim anschließenden L-Carnitin Drink (für die Fettverbrennung) klagt mir eine Freundin ihr Männer-Leid.

Das letzte Date der Vollblutveganerin ging voll daneben. Zuerst war alles in Kokosbutter. „Aber zum Dessert…“, hier stockt ihr Atem, „hat er Panna Cotta bestellt“. Mit Fleischeslust nach dem Essen war dann natürlich nichts. „Ich konnte ihn einfach nicht küssen.“ Seitdem geht sie keine Risiken mehr ein. Männer lernt sie jetzt auf www.veggieconnection.com kennen.

Ihr Nutzername dort ist „Wild Carrot“. Gerade hat sie Post bekommen. CRAZYJUICE schreibt ihr, dass er eine Frau sucht, für gemeinsame Saftkuren und Obstspiele. Schnell löschen. Vielversprechender klingt da READYTOLOVEYOU, der seine Leidenschaft fürs Gesichterlesen entdeckt hat und absolut nicht religiös, dafür aber sehr spirituell ist. Er arbeitet als makrobiotischer Berater und verkauft auf dem Wochenmarkt hausgemachte Falafel. Er möchte eine Frau treffen, die „NICHT (!)“ wütend oder verbittert ist und sein Interesse für Meditation teilt.

13:00 Uhr, MAKE, Santa Monica: Im veganen Gourmet-Tempel MAKE treffe ich den früheren Ironman-Triathleten Brendan Brazier. Sportliche Extremleistungen und erfolgreiches, stressfreies Leben durch pflanzliche Ernährung sind sein Credo. Der Unternehmer ist Gründer der Nahrungsergänzungsmittelmarke Vega und Erfinder der Thrive-Diät, die er in seinen Bestsellern erklärt. Sein Buch „Vegan in Topform“ ist nun auch in Deutschland erhältlich. Nebenher berät er Hollywoodstars wie Hugh Jackman in Ernährungsfragen. Seine Strategie: „Wer sich optimal ernährt hat mehr Energie, schläft weniger und erholsamer, kann sich besser konzentrieren und ist produktiver.“

Während unseres Gesprächs vertilgen wir die sogenannten Pieces de Resistance der veganen Küche: Lasagne, Käseplatte und Schokoladenganache-Torte. Alles Rohkost, alles vegan, alles hervorragend. „Das kannst Du auch selber machen“, sagt MAKE-Besitzer und Koch Matthew Kenney, der aufgrund meiner bis in die Küche dringenden Aaahs und Ooohs vorbeischaut. Er lädt mich in die hauseigene Akademie ein.

14:30 Uhr MAKE Academy: MAKE Academy klingt zwar martialisch, dort herrscht aber Friede, Freude, Tofukuchen. Über vier dutzend Menschen aus ebenso vielen Ländern kommen jeweils für einen Monat nach L.A., um von Kenney zu lernen, wie man auf hohem Niveau vegane Rohkostgerichte zubereitet. Ich melde mich für den Wochenendkurs „Rohkost: Käse, Schokolade und Desserts“ an.

16:30 Uhr, L.A. Vegan Crepe, West Hollywood: Veganer Lifestyle ist schön und gut. Wie aber einem Massenpublikum die Lebensphilosophie näherbringen, ohne dass sich gleich die Nackenhaare kräuseln? Um diese Frage zu beantworten, treffe ich mich mit Gary Smith und seiner Partnerin Kezia Jauron, die gemeinsam die nachhaltige PR-Agentur Evolotus betreiben. Zu den ausschließlich veganen Marken, die sie vertreten, zählen die Speiseeismarke Coconut Bliss, Autoren wie Ruby Roth (gerade in Deutschland mit ihrem Buch „Vegan aus Liebe“ am Start) und Non-Profit-Organisationen wie Animal Defenders International. „Das wichtigste ist, unseren Klienten zu erklären, wie sie ihre Story und ihr Produkt in den Medien verkaufen“, erzählt Smith.

„Tierschutzthemen müssen mainstreamiger verpackt werden“, ergänzt Jauron. Um in den Medien gehört zu werden, dürfe ein Produkt oder ein Anliegen das Publikum nicht beleidigen oder Werbepartner abschrecken. Tierleid, sagt Smith, werde in unserer Kultur unter den Teppich gekehrt. Jeder wisse darum, aber wenn es angesprochen werde, sei es ungefähr so, als ob man auf einer schicken Party in den Pool kotze. Jauron sagt: „Die Menschen wollen ihre selektive Wahrnehmung bestätigt haben.“ Deshalb verpacke man Tierschutzthemen besser als Verbraucherschutz.“

18:00 Uhr, Monocle Tattoo, Fairfax: Ich bin mit James Spooner verabredet, dem einzigen veganen Tätowierer in Los Angeles. „Tattoos sind nicht vegan?“, frage ich etwas perplex. „Es gibt Tinte, die nicht vegan ist. Außerdem verwenden viele Tätowierer Seide. Auch in den Salben und Cremes finden sich häufig Tierprodukte. Deswegen stelle ich meine eigenen Lotionen her.“ Spooner ist seit 21 Jahren vegan. „Damals war ich ein selbstgerechter kleiner Idiot. Wenn du Fleisch gegessen hast, warst du für mich Abschaum. Heute denke ich, es gibt niemanden, der 100 Prozent vegan leben kann.“ Zum Beispiel trügen viele Veganer Schuhe der Marke Converse, die zu Nike gehört, also zu einem Unternehmen, das auch Leder verwendet. „Wer Flieger oder Züge benutzt, fördert ebenfalls Unternehmen, die Tierprodukte servieren“, sagt Spooner.

19:00 Uhr: Kurz vor dem Date mit meinem Mann kaufe ich ihm online ein Geschenk. Bei The Brave Gentleman bestelle ich die Visionary Boots. Die werden aus handgestreichelter italienischer Mikrofaser gefertigt. Mit 304 US-Dollar nicht ganz billig. Dafür sehen sie toll aus, keine Müslilatschen, und sie können mit seinen Designer-Schuhen mithalten.

19:30 Uhr, Crossroads, West Hollywood: „Und, wie war dein Hardcore-Veganer-Tag?“, fragt mich mein Mann, während wir einvernehmlich einen Buffalo Trace Bourbon (ohne Fischblasenextrakt, Gelatine oder Eiweiß gefiltert) trinken. „Gar nicht mal so hart“, sage ich. Klar gibt es Besserwisser unter den Besseressern. Allerdings sind sie in der Minderheit. An ihre Stelle treten immer mehr junge und tolerante Pflanzenfresser. „Sozusagen Laissez-Faire-Veganer“, flachst mein Mann. „Genau.“ Sage ich. Und: „Kennst du den? Wie viele Fleischfresser braucht man, um eine Glühbirne auszuwechseln?“ Er zuckt die Schultern. „Keine! Sie würden lieber im Dunkeln sitzen.“

 

Link zur Homepage:

http://www.welt.de/debatte/article124123932/Veganer-sind-auch-Menschen-mit-Superfood-Atem.html